11.
Als das »Aarans» schloss, war es Zeit für ihn zu gehen.
Arkis musterte ihn.
»Ich werde ein Taxi rufen. Hast du Lust, auf einen Absacker noch mit zu mir zu kommen?«
Er zögerte.
»Auch Linda wird noch kommen. Sie bringt nur ihre Arbeit zu Ende, dann kommt sie zu mir.«
Er dachte an das schäbige Hotelzimmer, in dem er nicht mehr tun konnte, als grübeln, wie es nun weitergehen sollte, da er Terrence nicht gefunden hatte. Keine angenehme Aussicht.
»Ja, wenn es für dich in Ordnung ist, würde ich mitkommen.«
Arkis nickte.
»Schön. Dann haben wir nur noch eine Sache zu lösen.«
»Und die wäre?«
»Die Wahrheit, Jim, wenn du so heißt. Du musst mir nicht alles erzählen. Aber so viel, dass ich es nicht bereue, dich mit zu mir nach Hause genommen zu haben. Bei meinen Geschäften brauche ich keine verdeckte Ermittler.«
Es wäre leicht gewesen zu sagen: »Dann verzichte ich.«
Aber das wagte er nicht.
Mochte es der Alkohol sein oder der Gedanke, dass er nie mehr oder zumindest nicht schnell nach Hause kommen würde, jedenfalls antwortete er: »In Ordnung. Ich kann dir nicht alles sagen. Nur so viel: Ich bin seit zwei Wochen in der Stadt. Ich weiß nicht wohin ich gehen soll und ich habe nicht mehr, als die Sachen, die ich bei mir trage. Ich wohne in einer üblen Absteige, in die ich mich geflüchtet habe.«
»Geflüchtet?«
»Ja, ich wurde verfolgt.«
»Der Polizei?«
»Nein.«
»Kriminellen?«
»Auch nicht.«
»Von wem dann?«
Ich suchte nach einem passenden Begriff.
»Einer Organisation.«
»Kann die mir gefährlich werden?«
»Nein. Also ich denke nicht. Nein, keine Polizei.«
Er dachte nach.
»Heißt du Jim?«
Er schüttelte den Kopf.
»Und, wie heißt du?«
»Das kann ich dir nicht sagen.«
Arkis betrachtete ihn.
»Klüger bin ich zwar nicht, aber ich sehe zumindest, dass du versuchst, mich nicht zu belügen.«
Ein Fahrzeug näherte sich uns. Ich erkannte, dass es ein Taxi war.
Er sah nach Arkis.
»Habe ich von drin schon gerufen.«
Der Wagen hielt und sie stiegen ein.
Die Fahrt durch die Stadt dauerte eine ganze Weile. Es war weit nach Mitternacht und die Straßen geleert. An ihnen huschten Fassaden, Lichtkegel der Laternen, Müllcontainer, blinkende Reklametafeln vorbei.
Er versuchte sie alle zu fassen, versuchte den Sinn zu verstehen, warum die Menschen sich das alles, in die Stille einer Nacht, zwischen die wogenden Zweige eines Waldes unter das Licht eines Sternenhimmels gebaut hatten. War das alles nur ein Produkt der Angst, waren es Mauern und Licht gegen die Angst und die Gefahr?
Während sie fuhren änderte sich das Straßenbild. Geschäfte und Industrieanlagen verschwanden, die Straßen wurden breiter, die Fassaden der Häuser verschwanden hinter Vorgärten und hohen Zäunen. Sie kamen in eine Wohngegend, deren Bewohner keinen offensichtlichen Mangel hatten, sich ein bequemes und angenehmes Leben zu gestalten.
Vor einem dieser Häuser, eines ohne hohen Zaun, aber mit einem wilden Vorgarten, hinter dessen Schatten man die Außenbeleuchtung einer Villa erkannte, kam der Wagen zum Stehen.
Er saß hinten und sah zu, wie Arkis den Fahrer bezahlte.
Dann griff er nach der Tür, um auszusteigen. Er war, nur einen Moment später, dabei das gleiche zu tun, als der Fahrer sich ihm zuwandte und genau den kurzen Moment abwartet, in dem Arkis schon ausgestiegen war und er es eben noch nicht geschafft hatte.
Er sah ihn durchdringend an und gab ihm in festem Ton zu verstehen: »Wissen Sie, manche Geheimnisse – über manche Geheimnisse spricht man nicht.«
Dann wandte er sich wieder dem Lenkrad zu und er spürte Arkis Blick der ihm durch die Scheibe einen fragenden Blick zuwarf, wo er denn blieb.
Er zögerte, sah aber, dass es keinen Sinn machte, den Taxifahrer zur Rede zu stellen. Es war nicht sicher, ob der ein Wächter war. Er war angetrunken, vielleicht hatte er ihn nur missverstanden.
Er stieg aus.
Er folgte Arkis durch die Gartentür, auf das Grundstück seines Hauses.
Der Weg zum Haus schlängelte sich durch einen Wildwuchs aus Zierbäumen und Hecken und er konnte dazwischen die Blumenbeete und die wild wachsenden Kräuter und bodendeckenden Beeren ahnen.
Im Haus brannte Licht.
Er sah eine junge Frau, die an einem Laptop saß und mit irgendetwas konzentriert beschäftigt war. Sie sah nicht auf, als die Bewegungsmelder reagierten und den Außerbereich um den Eingang erhellten.
Arkis schloss die Tür auf und sie betraten sein Zuhause.
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